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Briefe an Prominente

An Melanchthon in Wittenberg

Melanchthon soll Farbe bekennen

Wiewohl es mir schmerzlich und sehr verwunderlich ist, daß ich auf meinen letzten Brief von Dir keine Antwort erhielt, so kann ich doch nicht annehmen, es sei aus Verdruß oder Verachtung geschehen, denn nichts würde weniger zu Deinem Charakter und Deiner Art passen. Da ich nun einen Boten fand, der sich mir anbot, Dir einen Brief zukommen zu lassen, so will ich es noch einmal probieren, ob ich etwas aus Dir herauslocken kann. Ich rede so, nicht, weil ich an Deiner Liebe zu mir, die stets übergroß war, zweifelte, sondern weil Dein Schweigen mich mit Recht traurig und bekümmert machen muß, da ich es für einen Schaden an der Kirche Gottes halte. Ich habe Dir kürzlich geschrieben über den Lehrpunkt, in dem Du mehr Deine Meinung verbirgst, als daß Du eigentlich von uns abweichst. Denn was sollte ich anderes glauben von einem so scharfsinnigen und in der göttlichen Lehre erfahrenen Manne wie Du, da doch keinem, der auch nur einigermaßen in der Schrift bewandert ist, verborgen ist, was Du verschweigst, als ob Du nichts davon wüßtest. Und doch ist die Lehre von Gottes Barmherzigkeit als Gnadengeschenk von Grund aus umgestürzt, wenn wir nicht das festhalten, daß rein nach Gottes Wohlgefallen aus den Verworfenen die Gläubigen ausgeschieden werden, die er zur Seligkeit erwählen will; wenn ferner nicht das feststeht, daß der Glaube aus der verborgenen Gnadenwahl Gottes fließt, weil Gott die mit seinem Geiste erleuchtet, die er vor ihrer Geburt auszuwählen beschlossen und durch seine Gnadenannahme in seine Familie aufgenommen hat. Wie widersinnig es wäre, wenn diese Lehre vom größten Theologen [unserer Zeit] verworfen würde, das erwäge in Deiner Klugheit selbst. Du siehst, es ist schon ein sehr schlimmes Beispiel, daß in unseren Schriften ein handgreiflicher Zwiespalt zu bemerken ist. Um diese Ungleichheit zu tilgen, will ich Dir nicht vorschreiben, Du müssest mir beipflichten; aber uns beide unter Gottes heiliges Wort zu stellen, dessen dürfen wir uns nicht schämen. Welche Art, eine Aussöhnung der Gegensätze zu finden, Dir gefällt - ich will sie gerne annehmen.

Und sieh, jetzt fangen ungelehrte, unruhige Köpfe den Sakramentsstreit von Eurer Seite aus wieder neu an! Daß auch sie durch Dein Schweigen begünstigt werden, darüber seufzen und klagen alle Guten. Denn wie frech auch ihre Dummheit sein mag - daran zweifelt niemand, daß, wenn Du Dich entschlössest, Deine Meinung offen zu bekennen, es Dir leicht fallen würde, ihre Wut wenigstens zum Teil zu dämpfen. Zwar habe ich den Anstand nicht so sehr vergessen, daß ich nicht bei mir überlegte und es auch anderen zeigte, mit welcher Menschenart Du es dabei zu tun hättest, wie Dich die Verwirrung aller Verhältnisse ängstlich und bestürzt macht, auch wieviel Rücksicht Du nehmen mußt und was Deinen Lauf hindert oder aufhält. Doch ist nichts darunter so wichtig, daß Dein Schweigen diesen verrückten Gesellen den Zügel schießen lassen dürfte zur Verwirrung und Zerstörung der Kirchen. Ich will gar nicht davon reden, wie wertvoll uns ein offenes Bekenntnis zur gesunden Lehre wäre. Du weißt, daß seit mehr als dreißig Jahren die Blicke einer unzählbaren Menge sich auf Dich richten, die nicht mehr wünscht, als sich Dir gelehrig zu erweisen. Oder wie, weißt Du nicht, daß heute die zweideutige Lehrart, an die Du Dich allzu ängstlich hältst, viele in Zweifel schweben läßt? Steht es Dir aber nicht frei, offen und deutlich zu bezeugen, was Du für wissenswert hältst, so solltest Du Dir wenigstens Mühe geben, die Maßlosigkeit derer im Zaum zu halten, die aufdringlich um nichts Lärm schlagen. Ich bitte Dich, was wollen sie eigentlich? Luther hat sein Leben lang laut gesagt, er kämpfe um nichts anderes, als daß den Sakramenten ihre Wirksamkeit gewahrt bleibe. Nun ist man darin einig geworden, daß sie nicht leere Sinnbilder sind, sondern tatsächlich bewirken, was sie darstellen; daß in der Taufe ein Wirken des Geistes vorhanden sei, uns rein zu waschen und wiedergeboren werden zu lassen; daß das Abendmahl eine geistliche Speisung sei, in der wir wahrhaftig mit Christi Fleisch und Blut gespeist werden. Willst Du also den Streit schlichten, den verkehrte Leute von neuem begonnen haben, so scheint mir, sei die Lage so günstig, daß Du nicht der Furcht vor Anfeindung zu weichen brauchst. Du kannst freilich mannigfachen Kämpfen nicht so ausweichen, daß Du ihnen ganz entgingest. Wir müssen nur dafür sorgen, daß die eherne Mauer des guten Gewissens nicht nur diese, sondern alle Angriffe der ganzen Welt tapfer aushalte. Denn wenn ich höre, daß Dich die Beschützer eines Osiander einen biegsamen, mehr der weltlichen Philosophie als der himmlischen Lehre ergebenen Menschen nennen, so verletzt mich das mehr, als wenn Dir böswillige, freche Leute zum Vorwurf machten, was man nicht nur mit Ehren gestehen, sondern auch mit Stolz rühmen dürfte. Leb wohl, liebster Mann und vor allen hochverehrter Bruder! Der Herr behüte Dich mit seinem Schutze und leite Dich fernerhin mit seinem Geiste bis ans Ende!

Genf, 27. August 1554


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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23