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Calvin Tagebuch

Jurist

Calvin war Jurist. Auf Wunsch seines Vaters absolvierte er statt eines naheliegenden Theologiestudiums ein volles juristisches Studium. Dies, seine hohe Begabung und sein "fotografisches Gedächtnis" ließen ihn schon von seinen frühen Schriften an systematisch und entsprechend logisch folgernd analysieren und darstellen. Es zeigt sich dabei die sich berührende Hermeneutik von Jura und Theologie.

In Orléans hörte Calvin rechtswissenschaftliche Vorlesungen bei dem damals berühmten Rechtsgelehrten Pierre de L´Etoile und bei Petrus Stella. Man weiß, dass er in der dortigen Bibliothek intensiv das römische Recht studierte. Später zog er nach Bourges, wo er 1531 seine juristischen Studien mit einem Lizentiat abschloss. Das Ergebnis war so blendend, dass ihm sogar ein Ehrendoktorat der Rechtsgelehrsamkeit angeboten wurde. Der bescheidene Calvin schlug dies Angebot aus. Das kann damit zusammenhängen, dass er schon damals kein Juristenleben führen wollte, sondern das eines Theologen, genauer: das eines Predigers und Seelsorgers.
 
Die juristische Prägung Calvins kommt in seinen Schriften zum Ausdruck. Zu nennen ist der Genfer Katechismus. Calvin verfasste ihn 1543. Die Erfahrungen aus seiner Straßburger Epoche mit gemeindlichen Strukturen sowie mit dem Neuaufbau der Genfer Gemeinde standen ihm hier zur Seite. Neu war in diesem Katechismus die Gestalt, welche "in der Form des unterrichtenden Zwiegespräches ein Lehrbuch in systematischer Bearbeitung war" (Paul Jacobs). Die klare Systematik dieses Katechismus bewirkte dessen starke Verbreitung in verschiedenen Ländern. Er beeinflusste auch die Entstehung des Heidelberger Katechismus von 1563, der ebenfalls eine klare Gliederung und den alten Bekenntnissen angepasste Gestalt hat, die dem theologisch-inhaltlichen Gedankengut ebenso hilfreich beisteht wie es seine pädagogische Wirkung schafft. Unter anderem übernahm der Heidelberger Katechismus Calvins dreifachen (Ge)brauch des Gesetzes: den usus elenchticus zur Erkenntnis der Sünde und ihrer Rechtfertigung, den usus politicus als Regulativ der öffentlichen Rechtsgestalten, und vor allem seinen umfassenden tertius usus legis als usus legis in renatis, welcher das Wirken des Heiligen Geistes im Leben der Christen betont. Gleiches gilt für die berühmteste Schrift Calvins, also für sein umfangreiches Werk vom "Unterricht in der christlichen Religion". Es gehört zu den ersten umfassenden Dogmatiken. Die Erstausgabe erschien 1536. Ihr folgten in systematischer Vollendung spätere Editionen. Aus Calvins Werken entnahmen spätere reformierte Theologen die Stringenz ihrer Gedankenfolgen sowie deren erkennbare Logik. Ohne Frage wirkt sich hier das juristische, organisatorische und damit logisch einsehbare Denken Calvins aus.

Calvins umfassende juristische Ausbildung schlug sich ferner in seinem Staatsdenken nieder, in dem praktischen Interesse an politischer Ordnung und in der dogmatischen Betonung der institutionellen und juristischen Aspekte der Ekklesiologie. Es ging ihm um Harmonisierung und Ordnung (ordo) des moralischen Zusammenlebens sowohl in der christlichen Gemeinde wie auch in der Gesellschaft insgesamt. Gott gab für das Zusammenleben unterschiedliche Strukturen. Calvin sah hier ein Spannungsverhältnis, wobei ihm das Gebot der Nächstenliebe neben der Wahrung von Gottes Ehre, die höchstes Postulat ist, vor Augen steht. Manche Rechtsentscheidungen gehören jedoch in die staatlichen Regelungen, also in die Hände der dortigen Obrigkeit.

Auch Calvins Darstellung der Prädestination ist mit seinem juristischen Denken verbunden. Hier sah er einen göttlichen Urteilsspruch, worin der Gnadenakt des Richters eine neue Tendenz enthält. Anlass seiner Lehre ist eine logisch bedingte Konsequenz, die die Verwerfung als ´oppositum` gegenüber der Erwählung notwendig macht. Damit wird der rechtsorientierte Gegenbeweis, die Reprobation, geführt. Hier übersah Calvin das biblische Schweigen bzw. Geheimnis zu diesem Passus und zog mit seinem juristischen Denken eine systematische Konsequenz.

Im Zusammenhang der Ethik spielen die guten Werke ("der Wandel") eine Rolle. Der "Wandel" hatte seine praktische Anwendung in der allgemeinen Lebensordnung. Dabei ging es um die Gemeindeleitung (Ämterfrage), die Gemeinschaft der Gemeinden (Ökumene) und die Lebensordnung der Kirchen (Kirchenzucht). Letztere war eine bewusst dem Staat gegenüber der Kirche zustehende Disziplinargewalt. Sie hatte sich strikt nach dem übergreifenden Dekalog der Bibel zu richten. Im Dekalog konzentriert sich das Naturgesetz. Dennoch bleibt Calvin bei der klaren Unterscheidung beider Ordnungen, indem sich die geistliche Seite durch das Gewissen, das sich als ins Herz geschriebenes Gesetz Gottes offenbart, um Gottes Ehre kümmert, während die bürgerliche Sitte auf das allgemeine Zusammenleben schaut und sich um das Funktionieren der gesellschaftlichen Verhältnisse bemüht.

In vielen Zusammenhängen beantwortete Calvin an ihn gestellte Fragen und gab seine Ratschläge auch an den Rat der Stadt Genf. Das brachte ihm den Vorwurf des "Totalitarismus" ein, in dem statt Demokratie (die es im heutigen Sinne damals noch gar nicht gab) eine theokratische Diktatur herrsche. Diese sei aus Calvins juristischem Denken entstanden. Tatsächlich ging es Calvin um das Verhältnis zwischen Staat und Kirche: Die Obrigkeit ist von Gott eingesetzt, allerdings um im Sinne der biblischen Gebote für Recht und Ordnung zu sorgen. Damals war alle Obrigkeit christlich orientiert. Somit ordnete Calvin den usus theologicus vor den usus civilis. Erkennbar stehen hier Recht und Glaube in engem Zusammenhang. Die Praxis des Ausschlusses aus der Kirche durch Bann gehörte allerdings zu Calvins Jurisdiktion: Die Pfarrer haben durch die Predigt das "Schwert des Wortes" zu handhaben, während die rechtsmächtigen Ratsherren ihre Gerichtsbarkeit uneingeschränkt wahrzunehmen haben. Diese Denkweise gehörte zu Calvins hermeneutischen Regeln. Die Heilige Schrift behielt für ihn den Status eines Grundgesetzes, dessen Darlegungen "in absoluter Treue vor diesem Gesetz" zu beachten sind.

Christoph Friedrich Thiele


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Publikationsdatum dieser Seite: 23.01.2018 14:51