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Calvins Liebe zur Schöpfung

Theater der Herrlichkeit Gottes

Zu Johannes Calvins fast unbekannten Seiten gehört "seine authentische, manchmal bis ins Lyrische hinein sich äußernde Liebe... für die Schöpfung" (Bernard Cottret). Bei der Lektüre seiner Bibelkommentare fällt auf, wie sehr er sich anstecken lässt vom Lobpreis des Schöpfers in seinen Werken. Man spürt ihm ab, wie viel Herzblut fließt, wenn von den Wundern des Sternenhimmels die Rede ist, aber auch von Gott als heimlichem Ackerbauer, der die Zedern des Libanon pflanzte und vielerlei anderes Gewächs (Psalm 104,16). Calvin ruft dazu auf, das "schöne Schauspiel" der Natur zu bewundern; mehrfach spricht er vom "Theater der Herrlichkeit Gottes". Dass die Reformatoren neben dem "Glauben aus dem Hören" für das Sehen nichts übrig gehabt hätten, ist ein Klischee. Auf Calvin passt es am allerwenigsten.

Das Grundthema in Calvins Institutio, nämlich Gott erkennen und den Menschen erkennen, bestimmt auch Calvins Sensibilität für die Schöpfung. Gott ist in seiner Schöpfung immer noch am Werk, im Großen und im Kleinen; nichts ist Zufall, nichts blindes Schicksal. Der Mensch hat seinen Platz, er trägt eine besondere Verantwortung als "Familienvater" Und "Haushalter Gottes" - in Demut vor dem Schöpfer, in Dankbarkeit für das Ganze der Schöpfung und in Erwartung des zukünftigen Lebens. Der im März 2008 gestorbene Schweizer Ökumeniker Lukas Vischer hat zu Recht Calvins wundervollen Satz "Gott hat den Menschen reich gemacht, bevor er geboren wurde" (Kommentar zu 1. Mose 3,19) in den Mittelpunkt seiner Ausführungen zu Calvins Schöpfungsverständnis gestellt.

Auch kulturgeschichtlich hatte Calvins Schöpfungsfrömmigkeit Auswirkungen - wenn auch manchmal indirekt und mit anderen Einflüssen verbunden, die die französisch-reformierten Kirchen geprägt haben. Die moderne Entwicklung der Naturkunde und der Naturwissenschaften legt solche Zusammenhänge nahe, nicht zuletzt in Genf selbst. Auch am Thema "Garten" lässt sich das veranschaulichen. Der französische Gartenhistoriker Michel Baridon hat darauf hingewiesen, dass der zahlenmäßig schwache französische Protestantismus im 16. und 17. Jahrhundert unverhältnismäßig viele Gärtner, Gartenarchitekten und Theoretiker des Landbaus und der Pflanzenkunde hervorgebracht hat. Und er scheut sich nicht, dieses Phänomen theologisch zu erklären: An die Stelle der bunten Glasfenster in den mittelalterlichen Kathedralen sei bei den Reformierten die Schöpfung selbst getreten, im Sinne von Calvins "Theater der Herrlichkeit Gottes". Dies erkläre die intensive Zuwendung zum Garten. Vielleicht, so könnte man hinzufügen, weil sich das schöpferische Wirken Gottes in der Natur mit der schöpferischen Geschöpflichkeit der Menschen verbindet. Auf die Berufung Adams zum Landbau wird gern verwiesen (1. Mose 2,15).

Bernard Palissy (1510-90) beschreibt in seiner "Recette véritable" (1563), wie er, noch erschüttert vom Grauen der Religionskriege, in der Talaue der Charente spazieren ging und einen Chor von jungen Frauen den 104. Psalm singen hörte. Zunächst getröstet und ganz gefangen von der melodischen Schönheit, wird er schließlich vom Schöpfungslob des Psalms gepackt und wünscht sich von der "göttlichen und wunderbaren Güte Gottes", dass "wir die Werke deiner Hände in solcher Verehrung haben möchten, wie es uns der Prophet in diesem Psalm lehrt". Palissy überlegt zuerst, ein großes, von Psalm 104 inspiriertes Landschaftsgemälde zu gestalten; dann verwirft er - gut reformiert - den Gedanken an ein blo­ßes Abbild und stellt das Projekt eines Gartens dar, "so schön wie es keinen unter dem Himmel gibt außer dem irdischen Paradies", ein Garten, der zugleich den verfolgten Reformierten Zuflucht bieten soll.

Auch im brasilianischen Urwald wird der 104. Psalm gesungen: von Jean de Léry (1536-1613), einem jungen Mann aus Burgund, den Calvin selbst in Genf als Mitglied einer Expedition bestimmte, die im Auftrag des französischen Königs eine Kolonie in der Bucht von Rio de Janeiro gründen sollte.

Aus dieser subtropischen "France antarctique" wurde zwar nichts, aber Lérys Bericht über seine Brasilienreise 1557-58 ist eines der großen Werke der Reiseliteratur. Claude Lévi-Strauss pries es als "Brevier des Ethnologen". Die Wunder der Pflanzenwelt gehören zu den vielen faszinierenden Erscheinungen, die Jean de Léry beschreibt - mit dem Blick der Eingeborenen und mit seinem eigenen christlich-calvinisch geschulten: Beispiele sind das Kraut petún (Tabak - den Namen erbte schließlich die mit ihm verwandte Petunie) und die Ananas - auch ihren Namen hat de Léry von den Tupinambá-Indianern übernommen und in unsere europäischen Sprachen eingeführt. Artischockenähnlich sehe sie aus, dufte köstlich nach Himbeeren und sei das beste Obst von ganz Amerika!

Was wären unsere Gärten ohne die Fülle exotischer Kulturpflanzen, die sie im Lauf der Jahrhunderte bereichert haben? Und ohne die gestalterische Kreativität der Gartenplaner? Und ohne die praktische Erfahrung der Gärtner und den Sachverstand der Gartenbauer und Agrarwissenschaftler? Olivier de Serres (1539-1619) müsste hier genannt werden, der calvinistische Edelmann und "Vater der französischen Landwirtschaftskunde". Sein tausendseitiges "Théâtre d'Agriculture" (1600) ist voller herrlicher theologischer Splitter, die zum Beispiel zur Demut anleiten: Wohl ist der Seidenwurm ein hässliches Tier, meint de Serres, aber Gott hat ihn gewürdigt, Fürsten und Könige zu kleiden!

Eine ganze Geschichte breitet sich hier aus. Die Kulturpflanzen des hugenottischen Refuge gehören dazu und die Alpenpflanzen und Steingärten, Haller und Rousseau, und so verbreitete Zimmerpflanzen wie das Usambaraveilchen (Saintpaulia) und der Weihnachtsstern (Poinsettia). Wer dies anschaulich erleben Schönes Schauspiel der Natur: Hugenottengarten Langerwisch will, findet im "Hugenottengarten Langerwisch" in Brandenburg eine Ausstellung und vielfältige Themenpflanzungen in einer anheimelnden Mischung von durchdachter Gestaltung und spontaner Natur. Im Calvin-Jahr 2009 ist der Garten von März bis November an jedem 1. Wochenende im Monat von 11 bis 17 Uhr geöffnet, außerdem nach Vereinbarung.

Sich an Gärten zu erfreuen, hat jedenfalls den ausdrücklichen Segen Calvins: "Sollten wir denken, dass unser Herr den Blumen eine solche Schönheit verliehen hätte, die sich unserem Auge darbietet, wenn es nicht erlaubt wäre, bei ihrem Anblick Gefallen zu empfinden? Sollten wir meinen, er hätte sie mit einem so angenehmen Geruch ausgestattet, wenn er nicht gewollt hätte, dass der Mensch mit Lust daran schnuppert?" (Institutio III, 10,2).

Anschrift des Hugenottengartens Langerwisch
Straße des Friedens 87, 14552 Michendorf/Brandenburg.

Anmeldung per E-Mail: info@hugenottengarten-langerwisch.de
Telefon: 033205 / 500 51

Otto Schäfer


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Publikationsdatum dieser Seite: Mittwoch, 10. August 2016 11:00