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Widerstandsrecht nach Calvin

Darüber sollen die Fürsten erschrecken!

Viele Könige und Fürsten verhinderten die Verbreitung der Reformation. Da die Obrigkeit im 16. Jahrhundert als von Gott eingesetzt galt, stellte sich den Reformatoren die Frage, ob begründeter Widerstand gegen die gewaltsame Unterdrückung der Glaubensfreiheit erlaubt sei. Martin Luther und Ulrich Zwingli haben darauf verschiedentlich geantwortet. Aber erst Johannes Calvin war durch die massive Verfolgung der Protestanten in Frankreich genötigt, nachdrücklich Stellung zu beziehen. Bereits 1536 formulierte er in der Erstausgabe seiner Institutio die Sätze, die für den reformierten Protestantismus wegweisend waren. Vom Schottischen Glaubensbekenntnis (1560) bis zum "Kirchenkampf" der Bekennenden Kirche im Nationalsozialismus (dort für Karl Barth) hat Calvins Widerstandslehre eine wichtige Rolle gespielt.

Calvin vertrat die Auffassung, dass zwar jede Obrigkeit von Gott eingesetzt sei, Gott selbst aber von Zeit zu Zeit durch offensichtliche Rächer oder durch Volksaufstände gegen eine ungerechte Herrschaft einschreite. Für untergeordnete Obrigkeiten wie Volksvertretungen und Stände formulierte Calvin sogar eine Pflicht zum Widerstand gegen Tyrannei. Privatpersonen hingegen billigte er kein Widerstandsrecht zu, sondern verpflichtete sie zum Gehorsam gegenüber der Obrigkeit. Im Grundsatz aber galt für ihn, dass man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen (Apostelgeschichte 5,29).

Achim Detmers

Calvin im Wortlaut: "Wenn wir also von einem harten Fürsten grausam gemartert, von einem habgierigen und ausschweifenden raubgierig ausgeplündert, von einem faulen vernachlässigt oder schließlich von einem gottlosen und frevlerischen um unserer Frömmigkeit willen gequält werden, so soll uns zunächst die Erinnerung an unsere Missetaten ins Gedächtnis kommen, die unzweifelhaft durch solche Geißeln des Herrn gezüchtigt werden (Daniel 9,7- 15). Dann wird die Demut unsere Ungeduld zügeln. Danach soll uns auch der Gedanke kommen, dass es nicht bei uns steht, gegen derartige Übel Abhilfe zu schaffen, sondern dass uns nichts anderes übrigbleibt, als die Hilfe des Herrn anzurufen, in dessen Hand die Herzen der Könige sind und die Wechsel der Reiche (Sprüche 21,1) (...). Er ist der Gott, vor dessen Angesicht alle Könige und alle Richter der Erde dahinfallen und vergehen, die nicht seinen Gesalbten geküsst haben (Psalm 2,10.12) (...).

Rächer und Volkswut als Instrumente Gottes

Darin offenbaren sich nun Gottes wunderbare Güte, Macht und Vorsehung. Denn bald erweckt er aus seinen Dienern offensichtliche Rächer und rüstet sie mit seinem Auftrag aus, eine verbrecherische Herrschaft zu strafen und das ungerecht unterdrückte Volk aus seiner elenden Qual zu befreien. Manchmal macht er auch die Wut von Menschen, die ganz andere Gedanken und Pläne haben, diesem Zweck dienstbar. (...)

Aufgabe von Volksvertretungen - Pflicht zum Widerstand

Aber wie man auch die Taten von Menschen selbst beurteilen mag, so führte der Herr doch durch diese Taten auf gerechte Weise sein Werk aus, indem er das blutige Zepter schamloser Könige zerbrach und manch unerträgliche Herrschaft stürzte. Das sollen die Fürsten hören - und darüber erschrecken!

Wir aber sollen uns unterdessen nachdrücklich hüten, diese Autorität der Obrigkeit, die mit verehrungswürdiger Majestät erfüllt ist und die Gott durch die ernstesten Gebote bekräftigt hat, zu verachten oder zu schänden - selbst wenn sie bei ganz unwürdigen Menschen liegt und bei solchen, die sie durch ihre Bosheit, soviel an ihnen ist, mit Schmutz bewerfen! Denn wenn auch die Züchtigung einer zügellosen Herrschaft Gottes Rache ist, so sollen wir deshalb doch nicht gleich meinen, solche göttliche Rache sei uns aufgetragen - denn wir haben keine andere Weisung, als zu gehorchen und zu leiden.

Bisher rede ich aber durchgehend von Privatleuten. Anders steht nun die Sache, wo Volksvertretungen eingesetzt sind, um die Willkür der Könige einzuschränken (...). Ungefähr diese Gewalt besitzen, wie die Dinge heute liegen, auch die drei Stände in einzelnen Königreichen, wenn sie ihre wichtigsten Versammlungen abhalten. Wo das also so ist, da verbiete ich diesen Männern nicht etwa, der wilden Ungebundenheit der Könige pflichtgemäß entgegenzutreten. Nein, ich behaupte geradezu: Wenn sie bei Königen, die maßlos wüten und das niedrige Volk quälen, die Augen verschließen, so ist ihr absichtliches Wegsehen nicht frei von schändlicher Treulosigkeit; denn sie verraten ja in schnödem Betrug die Freiheit des Volkes, zu deren Hütern sie, wie sie wohl wissen, durch Gottes Anordnung eingesetzt sind!

Gott mehr gehorchen als den Menschen

Aber bei dem Gehorsam, der, wie wir festgestellt haben, den Weisungen der Oberen zukommt, ist stets eine Ausnahme zu machen. Ja, es ist vor allem anderen auf eines zu achten, nämlich dass er uns nicht von dem Gehorsam gegen den wegführt, dessen Willen aller Könige Begehren untergeordnet sein muss, dessen Ratschlüssen ihre Befehle weichen und vor dessen Majestät ihre Zepter niedergelegt werden müssen. Und wahrlich, was wäre das für eine Torheit, wenn man, um den Menschen Genüge zu tun, den zu beleidigen unternähme, um dessentwillen man eben Menschen gehorcht? Der Herr nämlich ist der König der Könige, und wo er seinen heiligen Mund aufgetan hat, da muss er allein vor allen und über alle gehört werden; und insofern sind wir dann auch den Menschen unterstellt, die uns vorgesetzt sind, aber allein in ihm. Wenn sie etwas gegen ihn befehlen, so hat das keinen Platz und zählt nicht. (...)

Ebenso wenig kommt es in Frage, dass der Vorwand der Bescheidenheit Lob verdiente, mit dem sich die Hofschmeichler decken und kraft dessen sie einfache Leute täuschen, indem sie behaupten, es sei ihnen nicht erlaubt, etwas abzulehnen, was ihnen von ihren Königen aufgetragen sei. Als ob Gott, indem er sterblichen Menschen die Führung des Menschengeschlechts übertrug, zu ihren Gunsten auf sein Recht verzichtet hätte!" (Institutio, IV, 20,29-32).


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Publikationsdatum dieser Seite: Mittwoch, 10. August 2016 11:00