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Unterricht

"Stiller Schlichter": Eine Unterrichtseinheit zu Calvin

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Calvins Weg vom schüchternen Gelehrten zum Reformator im Rampenlicht

Diskutiert in der Kleingruppe folgende Fragen

  • Was sind Eure Vorstellungen, was Ihr später beruflich einmal machen wollt?
  • Welche Vorstellungen haben Eure Eltern dazu? Wer bestimmt, welchen beruflichen Weg Ihr einschlagt?
  • Gibt es etwas, was Ihr Euch beruflich überhaupt nicht zutrauen würdet?
  • Wärt Ihr bereit, Eure Heimat zu verlassen und im Ausland zu arbeiten?
  • Was müsste passieren, damit Ihr nie mehr in Eure Heimat zurückkehrt?
  • Glaubt Ihr, dass Gott all unsere Schritte lenkt oder nur die entscheidenden?
  • Wie erlebt Ihr das in Eurem Leben?

Untersucht, wie Calvin diese Fragen für sein Leben beantwortet hat.

„Gott hat mich von den dunkelsten und geringsten Anfängen emporgehoben, und hat mich gewürdigt, das hohe Amt eines Predigers und Pfarrers zu bekleiden. Mein Vater hatte mich schon als kleinen Jungen zum Priesteramt bestimmt. Als er aber sah, dass die Rechtswissenschaft bessere Aussichten bot, änderte er seinen Plan. Er rief mich vom Studium der Philosophie ab und schickte mich zum Studium der Rechtswissenschaft. Aus Gehorsam gegen ihn versuchte ich, allen Fleiß auf dieses Studium zu verwenden. Gott aber lenkte mein Leben durch den verborgenen Zügel seiner Vorsehung schließlich doch in eine andere Richtung.

Zuerst war ich dem Aberglauben des Papsttums tief verfallen und es war nicht leicht, mich aus diesem tiefen Sumpf herauszuziehen. Deshalb hat Gott mich, weil mein Geist trotz meiner Jugend schon sehr verhärtet war, zuerst durch eine plötzliche Bekehrung zu einem gelehrigen Schüler gemacht. Als ich etwas von wahrer Frömmigkeit geschmeckt hatte, überkam mich ein solcher Drang, hier Fortschritte zu machen, dass ich die anderen Studien zwar nicht gänzlich beiseite warf, sie aber doch weniger eifrig betrieb.

Es war noch kein Jahr vergangen, da kamen alle, die nach der reinen (evangelischen) Lehre verlangten, zu mir, um zu lernen, obwohl ich hierin selbst noch ein Neuling war. Ich bin von Natur schüchtern, immer habe ich Zurückgezogenheit und Ruhe geliebt, deshalb wollte ich nie ins Rampenlicht treten. Aber dieser Wunsch wurde mir nicht erfüllt. Im Gegenteil: Wohin ich floh, bildeten sich um mich Kreise von Lernbegierigen, als hielte ich öffentlich Schule. Gott hat mich stets so herumgeführt, dass es mir nie vergönnt war, zur Ruhe zu kommen, bis er mich schließlich – ganz gegen meine Neigung – ins hellste Licht zog.

Ich verließ mein Vaterland und reiste mit der Absicht nach Deutschland, dort in irgendeinem verborgenen Winkel die lang ersehnte Ruhe und Muße zu finden. Aber siehe da, es kam ganz anders. Ich hielt mich unerkannt in Basel auf. Da verbrannte man in Frankreich eine größere Anzahl Evangelischer. Die Scheiterhaufen stießen in Deutschland auf große Empörung. Daher wurden ein paar verlogene Schriften verbreitet, wonach die grausamen Verfolgungen nur Ketzer und Aufrührer träfen, die mit ihren verkehrten Lehren die Religion und die ganze staatliche Ordnung zu zerstören suchten. Ich sah darin Intrigen des französischen Hofes. Sie sollten durch falsche Verleumdungen der (evangelischen) Märtyrer das Blutvergießen Unschuldiger vergessen machen, damit man in Zukunft ähnliche Gräuel begehen könnte, ohne Entrüstung im Ausland fürchten zu müssen. Da wäre es unentschuldbar gewesen, hätte ich geschwiegen und nicht nach Kräften Widerspruch erhoben. Das war der Grund, meine „Institutio“ zu schreiben. [Calvin konnte wegen dieses Buches nicht mehr nach Frankreich zurückkehren.]

Ich habe meine Verfasserschaft immer verheimlicht und wollte das auch weiterhin tun, als mich Guillaume Farel in Genf festhielt – durch eine furchtbare Verwünschung, gleich als ob Gott selbst vom Himmel seine starke Hand auf mich gelegt hätte. Ich wollte durch Genf schnell hindurchreisen und mich nur eine Nacht in der Stadt aufhalten. Da gab sich Farel in dem unglaublichen Eifer um die Ausbreitung des Evangeliums alle Mühe, mich zurückzuhalten. Als er sah, dass ich mich der stillen Privatgelehrsamkeit verschrieben hatte und er mit Bitten bei mir nichts erreichen konnte, brach er in die Verwünschung aus, Gott möge mein ruhiges Studieren verfluchen, wenn ich ihm in dieser großen Not meine Hilfe versagen würde. Hierüber war ich so erschrocken, dass ich meine Weiterreise aufgab; jedoch verpflichtete ich mich, scheu und ängstlich, wie ich war, nicht zur Übernahme eines bestimmten Amtes.“ (Calvin im Vorwort zu seinem Psalmenkommentar von 1557).


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Publikationsdatum dieser Seite: Dienstag, 16. März 2021 14:53