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Frauen

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Dank für einen geschenkten Ring

17. Juni 1549: Brief an Lady Anna Seymour in England

Da mir die erlauchteste Fürstin, Deine Mutter, einen Ring zum Geschenk geschickt hat, als Zeichen ihres Wohlwollens gegen mich, und das getan hat ohne mein Verdienst, so wäre es ja geradezu unnatürlich, wollte ich nicht auch wenigstens durch ein Zeugnis meiner Ergebenheit meinen Dank erzeigen. Da mir nun aber wieder die Sprache, in der ich eigentlich das bei ihr selbst tun sollte, nicht geläufig ist, so schien mir nichts besser, als Dich zu Hilfe zu rufen, edelstes Fräulein, da Du durch Deine Tugend nicht weniger berühmt bist als durch Deine Abstammung. Denn da Du vor allen anderen die beste Vermittlerin meines Dankes bei Deiner Mutter sein wirst, wirst Du mir auch diesen Dienst in Deiner außerordentlichen Frömmigkeit gerne tun, besonders da Du jedenfalls weißt, daß es ihr nicht unlieb sein wird. Denn wie ich vermute, hast Du aus ihren Reden schon gemerkt, wie freundlich sie mir gesinnt ist. Wenn also meine Bitten bei Dir etwas vermögen, so möchte ich Dich gar sehr gebeten haben, daß Du es Dich nicht verdrießen lassest, meinen untertänigen Gruß mit allen Ergebenheitsbezeugungen Deiner Mutter auszurichten, damit sie wenigstens merkt, daß sie das Geschenk, dessen sie mich gewürdigt, keinem Undankbaren gegeben hat. Ich wage umso eher, Dir dies anzuvertrauen, als ich gehört habe, Du seiest nicht nur in allen edlen Wissenschaften hochgebildet (ein ungewöhnliches Ding bei einem Mädchen von Deiner Stellung und Deinem Rang), sondern auch so wohlunterrichtet in der Lehre Christi, daß Du gern seinen Dienern Gehör schenkst. Daß ich zu diesen gehöre, anerkennst Du ohne Zweifel.

Es bleibt mir nun nur noch übrig, Dich zu ermuntern, weiterzufahren in dem, was Du so glücklich begonnen. Denn wenn Du auch, wie ich höre, den guten Willen zur Genüge hast, und hoffentlich auch der Herr, der Dir bisher Mut gegeben, Dir Standhaftigkeit verleiht, auszuharren bis ans Ende, so wirst Du doch, da bei so manchem Hindernis und Aufenthalt durch die Welt und bei der Schwäche unseres Fleisches solch ein Ansporn nie überflüssig ist, meine Ermahnung gut aufnehmen. Sicherlich ist unter all den herrlichen Gaben, durch die Dich der Herr ausgezeichnet und geschmückt hat, die doch beste, daß er Dir von Deiner zarten Kindheit an die Hand reichte, um Dich zu seinem Sohn, dem Bringer ewiger Seligkeit und Quell aller Güter, zu führen. Um so eifriger mußt Du danach streben, seinem Rufe fröhlich zu folgen, um so mehr, da er Dir Hilfsmittel gegeben hat, die oft nicht nur Fürstentöchtern, sondern sogar den Fürsten selbst abgehen. Deinem Bruder, einem Knaben adliger Art, und Deinen edlen Schwestern einen Gruß. Der Herr lasse Euch von Tag zu Tag zunehmen an seinem Segen und sei Euch ein ständiger Führer auf Eurem ganzen Lebensweg. Leb wohl, trefflichstes, hochverehrtes Fräulein!

Genf, 17. Juni 1549


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Publikationsdatum dieser Seite: Dienstag, 16. März 2021 14:52