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Genf

1536 reiste Calvin vom norditalienischen Ferrara nach Paris, um Frankreich dann für immer zu verlassen. Auf seinem Weg nach Basel wurde Calvin durch kriegerische Auseinandersetzungen gezwungen, über Genf zu reisen. Bereits ein halbes Jahr zuvor war die Stadt der Reformation beigetreten. Guillaume Farel und Pierre Viret hatten diesen Schritt drei Jahre lang mit Disputationen und Predigten vorbereitet. Die ersten reformatorischen Predigten hielt Farel 1528 im Temple de la Madeleine. Die aus dem 12. Jahrhundert stammende Kirche am Place de la Madeleine beherbergt die älteste Glocke Genfs aus dem Jahre 1420. Heute gehört sie zur Deutschweizer reformierten Kirchgemeinde. (In der Kirche wurde übrigens der Antitrinitarier Michael Servet 1553 bei einem Gottesdienst erkannt, verhaftet und später hingerichtet.)

Farel konnte Calvin 1536 bei einem kurzen Aufenthalt in Genf überzeugen, an der Reformation in der Rhône-Stadt mitzuwirken. Wo Calvin allerdings bei seinem ersten Aufenthalt bis 1538 wohnte, ist nicht bekannt. Und auch von den beiden Häusern seines zweiten Aufenthaltes (ab 1541) ist heute nichts mehr zu sehen: Zuerst wohnte Calvin in einem kleinen Haus in der heutigen Rue Jean Calvin. Da Calvin in seinem Pfarrhaus aber regelmäßig Not leidende Flüchtlinge aus Frankreich aufnahm (zeitweise bis zu 15 Personen), hielt es der Genfer Rat für notwendig, Calvin 1543 das größere Nachbarhaus (Nr. 11) zu überlassen. Dieses Haus wurde allerdings 1706 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt; heute erinnert nur noch eine Tafel an den Aufenthalt Calvins.

In der Nähe der Rue Jean Calvin befinden sich drei weitere Wirkungsstätten Calvins: die Kathedrale St. Pierre, das Auditoire und das Collège Calvin.

Die Kathedrale St. Pierre, die seit der Reformation Temple de Saint-Pierre genannt wird, steht am höchsten Punkt der Altstadt (www.saintpierre-geneve.ch). Von 1150 bis 1250 wurde die Bischofskirche im romanisch-gotischen Stil erbaut und danach mehrfach umgestaltet. Die Kirche besteht aus einem dreischiffigen Langhaus, das in ein schmales Querhaus mit halbrundem Chor mündet. In der Zeit der Reformation wurden Altäre, Statuen und Bilder zerstört sowie Lettner und Chorschranken beseitigt. Die Orgelpfeifen wurden 1562 eingeschmolzen, da die im reformierten Gottesdienst gesungenen Psalmen keiner Orgelbegleitung bedurften. Seit dem 18. Jahrhundert wurden jedoch drei Orgeln angeschafft; die jetzige wurde 1964 eingebaut. Calvin predigte im Temple de Saint-Pierre sonntags zweimal und in jeder zweiten Woche täglich. Die Kanzel befindet sich heute zwar an dem Ort, wo auch Calvin seit 1543 gepredigt hat, sie stammt aber aus dem Jahre 1864. Hinter der Kanzelsäule steht eine Kopie der Chaise de Calvin, ein dreieckiger Stuhl, auf dem Calvin gesessen haben soll. Die Fenster im Chorraum sind Kopien der Originale aus dem 15. Jahrhundert, die heute zusammen mit den erhaltenen Teilen des von Konrad Witz bemalten Hochaltars im Musée d'Art et d'Historie an der Rue Charles-Galland 2 ausgestellt sind (www.ville-ge.ch/mah/?langue=des). Die übrigen Fenster wurden zwischen 1894 und 1903 angefertigt.

Die Kathedrale ist gekennzeichnet durch zwei ungleiche Haupttürme, die im 13. Jahrhundert unvollendet bleiben. Sie sind über eine Treppe erreichbar (Eintritt: 4 CHF, ermäßigt 2 CHF). Vor allem vom Nordturm aus hat man einen wunderbaren Ausblick auf den Genfer See und das Jura- und Alpengebirge. Der metallene Spitzhelm zwischen den Türmen wurde 1895 errichtet anstelle des abgebrannten Glockenturms aus dem 15. Jahrhundert. 1752/6 wurde die alte romanische Eingangsfassade aus statischen Gründen ersetzt. An ihre Stelle trat der heutige Portikus mit seinen sechs korinthischen Säulen, durch den man die Kathedrale betritt.

Rechts vom Portikus befindet sich der Eingang zu einer der größten archäologischen Grabungsstätten Europas (www.site-archeologique.ch). Dort wurden die Fundamente eines römischen Tempels und mehrerer christlicher Basiliken aus dem 4./5. Jahrhundert freigelegt. Der Site archéologique ist Di-So von 10-17 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt für Erwachsene (ab 17 Jahren) 8 CHF, ermäßigt und für Gruppen (ab 15 Personen) 4 CHF. Durch einen unterirdischen Gang ist die archäologische Fundstelle der Kathedrale mit dem Internationalen Museum der Reformation verbunden, das dieselben Öffnungszeiten hat. Über ein Kombiticket können sowohl die Türme der Kathedrale als auch der Site archéologique und das Museum besichtigt werden. Dies kostet für Erwachsene 16 CHF, ermäßigt und für Gruppen (ab 15 Personen) 10 CHF und für Kinder (7-16 Jahre) 8 CHF. Der Eintritt für das Museum allein beträgt für Erwachsene 10 CHF, ermäßigt und für Gruppen 7 CHF und für Kinder (7-16 Jahre) 5 CHF.

Der Besuch des Museums gehört im Calvinjahr zu einem Muss. Es befindet sich linkerhand der Kathedrale in der Rue du Cloître 4 (www.musee-reforme.ch). Das Museum wurde 2005 in der Maison Mallet eingerichtet, die 1721 an dem Ort des alten Klosters von Saint-Pierre erbaut wurde, wo die Genfer Bürger am 21. Mai 1536 die Reformation einstimmig angenommen haben. Das Reformationsmuseum erhielt 2007 den Museumspreis des Europarats. Es arbeitet mit den neuesten audiovisuellen Mitteln und ist auch für Kinder geeignet. Gestützt auf zahlreiche Archivdokumente und ein reichhaltiges Bildmaterial zeigt das Museum auf 350 m² die Geschichte und Wirkungsgeschichte der Genfer Reformation. Im Calvinjahr wird das Museum mit einer Sonderausstellung aufwarten. Unter dem Titel »Ein Tag im Leben Johannes Calvins« wird vom 24. April bis zum 31. Oktober 2009 eine 3D-Simulation in acht Pavillons zu sehen sein. Führungen im Museum gibt es auf Anfrage. Für 3 CHF kann ein Audio-Guide in deutscher Sprache genutzt werden.

Rechterhand der Kathedrale befindet sich das Auditoire de Calvin, eine gotische Gewölbekirche aus dem 15. Jahrhundert. Mit der Annahme der Reformation wurde sie 1536 als Kirche aufgegeben und als Artillerielager genutzt. 1556 sorgte Calvin aber dafür, dass die Kirche für die Gottesdienste der englisch- und italienischsprachigen Flüchtlingsgemeinden zur Verfügung gestellt wurde. Außerdem wurde hier ab 1557 freitags die Congrégation abgehalten, eine Versammlung, in der öffentlich über Fragen von Bibel und Lehre diskutiert wurde. Im Anschluss daran tagte unter dem Vorsitz Calvins die Compagnie des pasteurs, bei der die Pfarrer die laufenden Angelegenheiten besprachen. Hinzu kamen ab 1562 die Vorlesungen Calvins. Den Stuhl, den er dabei wegen seiner Gicht benutzt haben soll, steht heute als Kopie in der Kathedrale (s. o.). Berühmt wurde das Auditoire außerdem durch die Übersetzung der Bibel ins Englische (Genfer Bibel), die hier von 1556 bis 1559 unter der Leitung des späteren Schottischen Reformators John Knox (1514-72) erstellt wurde. Heute beherbergt das Auditoire den Gottesdienst der schottischen, niederländischen und italienisch-reformierten Gemeinden.

Eine weitere weltbekannte Wirkungsstätte Calvins ist das 1558 bis 1562 erbaute Collège Calvin (bzw. Vieux Collège). Calvin gründete dieses Collège 1559 zusammen mit der Académie. Das Gebäude befindet sich in der Rue Théodore-de-Beze (Beza war der erste Rektor des Collège). Das Collège gehört zu den ältesten öffentlichen Schulen der Welt. Es beherbergt heute ein Gymnasium, dass 1969 nach ihrem Gründer benannt wurde. Beachtenswert sind die mehrsprachigen Bibelzitate auf den Schlusssteinen unter dem Treppenaufgang des Renaissancebaus. Sie erinnern daran, dass im Collège neben Grammatik, Logik und Rhetorik die Sprachen Französisch, Griechisch, Latein und Hebräisch unterrichtet wurden. Nach siebenjähriger Schulzeit konnten die Vorlesungen und Übungen in der weiterführenden Académie besucht werden. Beide Abteilungen hatten gleich nach ihrer Gründung so viel Zulauf, dass die Vorlesungen 1562 ins Auditoire ausgegliedert werden mussten. Die Genfer Académie bildete zahlreiche europäische Studenten für das Pfarramt aus und wurde zum Vorbild reformierter Akademien in ganz Europa. 1872 wurde die Genfer Académie zur Universität umgewandelt und zog in das neu errichtete Gebäude im Parc des Bastions.

Die Universität Genf wird im Calvinjahr an ihren Begründer erinnern mit einer Ausstellung unter dem Titel »Calvin und die Welt des Buches«. Präsentiert werden Originalausgaben und Übersetzungen der Werke Calvins sowie eine Galerie seiner Mitarbeiter, Anhänger und Kritiker. Außerdem gibt die Ausstellung einen Einblick in Calvins persönliche Bibliothek. Gezeigt wird die Ausstellung vom 27. Mai bis zum 30. September 2009 in der Universitätsbibliothek, Promenade des Bastions 5.

Direkt gegenüber der Universitätsbibliothek befindet auf der anderen Seite des Parc des Bastions das Internationale Reformationsdenkmal. Es wurde von 1909 bis 1917 unter der Promenade de la Treille an der Stelle der früheren Stadtmauer erbaut. Das Denkmal ist über 100 Meter breit und stellt Ereignisse und Persönlichkeiten dar, die zur Ausbreitung des Calvinismus im 16. und 17. Jahrhundert beigetragen haben. Insgesamt sind es zehn Statuen. Vier davon ragen in der Mitte heraus. Darauf zu sehen sind neben Calvin: der Genfer Mitreformator Guillaume Farel, Calvins Nachfolger Theodor Beza sowie der schottische Reformator John Knox. Rechts davon ist auf einem der acht Flachreliefs die Zustimmung des britischen Königshauses zur >Bill of Rights< dargestellt. Der calvinistisch erzogene König William III. gewährte 1689 bei seiner Thronbesteigung dem britischen Parlament Rechte, die zu den Grundprinzipien einer parlamentarischen Demokratie geworden sind. Einige dieser Bestimmungen von 1689 sind auf dem Relief abgedruckt. 2002 wurde die Mauer anlässlich des Reformationsfestes mit den Namen dreier Vorläufer der Reformation versehen: Petrus Waldes, John Wyclif und Jan Hus. Außerdem wurde die Theologin und Reformationshistorikerin Marie Dentière (1495-1561) aufgenommen - die dritte Frau auf dem Reformationsdenkmal neben der britischen Königin Mary II und der brandenburgischen Kurfürstin Dorothea Sophie.

Keine Erwähnung findet auf dem Reformationsdenkmal der spanische Arzt und Religionsphilosoph Michael Servet. Er wurde 1553 auf Betreiben Calvins vom Genfer Rat wegen antitrinitarischer und täuferischer Irrlehren verurteilt und hingerichtet. Verurteilt wurde Servet im Genfer Rathaus, dem Hôtel de Ville in der gleichnamigen Straße. Hingerichtet wurde er im Stadtteil Champel. Bei der Einmündung der Avenue de la Roseraie in die Avenue de Beau-Séjour erinnert eine Servet-Gedenktafel an diesen >Sündenfall< der Genfer Reformation. Auf der Tafel ist zu lesen: »Als ehrerbietige und dankbare Söhne Calvins, unseres großen Reformators, doch seinen Irrtum, der ein Fehler seines Jahrhunderts war, verurteilend und gemäß den wahren Grundsätzen der Reformation und des Evangeliums an der Gewissensfreiheit festhaltend haben wir dieses Sühnedenkmal am 27. Oktober 1903 errichtet.«

Die allerletzte >Spur< Calvins führt zum Cimetière des Rois, dem nicht mehr genutzten Friedhof von Plainpalais, einem schönen, großen Park, der über die Rue des Rois zu erreichen ist. Dort erinnerte lange Zeit nur ein verwitterter Stein mit den Initialen J.C. an das Grab Calvins. Heute ist das mit Buchsbaum bepflanzte Grab von einem halbhohen Gitter umzäunt und mit einer kleinen Gedenktafel versehen. Die genaue Lage des Grabes ist einem Plan am Eingang des Friedhofs zu entnehmen (www.cimetieredesrois.ch)

Die Genfer Touristeninformation (www.geneve-tourisme.ch) befindet sich an der Rue du Mont-Blanc 18 (Tel. +41 (0) 22 9097000). Sie ist täglich geöffnet von 9 bis 18 Uhr (mo. erst ab 10 Uhr). Von September bis Mitte Juni ist sie sonntags geschlossen. Unterkunftsmöglichkeiten finden sich unter: www.geneve-tourisme.ch/?rubrique=0000000269. Im Zentrum der Altstadt empfiehlt sich ein Hotel der Heilsarmee: Hôtel Bel'Espérance, Rue de la vallée 1, Tél. + 41 (0) 22 8183737, www.hotel-bel-esperance.ch. Eine günstige Übernachtungsmöglichkeit für Gruppen bietet außerdem das John Knox Tagungszentrum in dem Chemin des Crêts de Pregny 27 (www.johnknox.ch).


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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23