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Vom Calvinismus geprägt

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Renée de France (1510-1575)

Eine der Adelsfrauen, mit denen Johannes Calvin in regem Briefkontakt stand, war Renée de France spätere Herzogin von Ferrara-Este. Von den Zeitgenossen und der Historiografie lange für eine "Calvinistin" gehalten, gilt sie heute als Sympathisantin der Lehren des christlichen Humanismus und des Calvinismus, aber vor allem als Eklektikerin und Verfechterin eines vielseitigen und toleranten Glaubensansatzes. Renée de France wurde 1510 in Blois als zweite Tochter des französischen Königs Louis XII. (1462-1515) und der Herzogin Anne de Bretagne (1477-1514) geboren. Nach dem frühen Tod der Mutter kam Renée 1514 in die Obhut von Louise von Savoyen (1476-1531) und von Marguerite d'Angoulême, der Mutter und der reformationsnahen Schwester von König François I. Trotz verschiedener hochrangiger Bewerber heiratete Renée Herzog Ercole II. d'Este. Ercole war zwar kein Mann aus königlicher oder kaiserlicher Familie, aber einer, von dem sich Frankreich große Unterstützung für seine Italienpolitik erwartete. Der 1528 geschlossenen Verbindung entstammten zwei Söhne und drei Töchter.

Nach den pompösen Hochzeitsfeierlichkeiten in Frankreich zog Renée wie eine Königin mit einer goldenen Krone auf dem Haupt und einem überdurchschnittlich großen, 167 Personen umfassenden französischen Hofstaat in Ferrara ein. Die hohen Ausgaben für diese "Fremden", die nicht erfolgte Integrierung der Herzogin und ihres Gefolges und schließlich ihr abgeschiedenes Leben fern vom Hof führten schon bald zu Reibungen zwischen den Eheleuten. Hinzu kam, dass die meisten Mitglieder ihres Hofstaates Verfechter des calvinistischen Reformgedankens waren. Auch Calvin selbst hielt sich in der Karwoche des Jahres 1536 unter dem Decknamen Charles d'Esperville an ihrem Hof auf. Immer wieder wurden auf Betreiben des Herzogs "Ketzer" aus Renées Hofstaat entfernt. Dennoch verdichteten sich Ende der 1540er Jahre abermals die Verdächtigungen gegen Renée und ihren Hofstaat. In Rom ging das Gerücht um, dass sie religiös Verfolgte, also Häretiker, aufnahm und finanziell unterstützte. Prediger und Vertreter der neuen Lehren, abtrünnige Mönche, Verfasser von gefährlichen Schriften fanden bei ihr Gehör und widmeten ihr ketzerische Schriften. Dieser Umgang mit "Ketzern" gefährdete zunehmend den Ruf ihres Ehegatten als Lehensmann und treuen Diener des Heiligen Stuhles und bot diesem Angriffsflächen, um die Besitzansprüche der Kirche auf das päpstliche Lehen Ferrara wieder geltend zu machen. Um diesen Verdächtigungen auf den Grund zu gehen, veranlasste der Heilige Stuhl, die "Katholizität" der Herzogin zu überprüfen bzw. wiederherzustellen. Doch Renée verweigerte sich.

Ercole nahm schließlich das Osterfest 1554, bei dem Renée und ihr Hofstaat wieder nicht die Gebote der römischen Kirche einhielten, zum Anlass, sie offiziell der Häresie zu bezichtigen. Der französische König Henri II. schickte daraufhin den französischen Theologen und Inquisitor Mathieu Ory, der Renée  mit der Androhung eines Prozesses zum "rechten" Glauben zurückbringen sollte.

Calvin, von den Ereignissen informiert, schickte seinen Vertrauten, Francois de Morel nach Ferrara, der die Aufgabe hatte, die Herzogin in ihrer Glaubensauffassung zu stärken. Diese Verwegenheit - einen calvinistischen Prediger am Hof zu empfangen - war für den Herzog Anlass genug, nun härter gegen das "ketzerische" und respektlose Verhalten seiner Ehefrau vorzugehen. Es wurde ihr vorgeworfen, sie weigere sich, die Messe zu besuchen, verschmähe die Sakramente, vor allem die Beichte und das Abendmahl, sie glaube nicht an die Wandlung und lasse ihre Bediensteten ohne Sterbesakramente sterben.

Am 7. September 1554 wurde sie an den Hof gebracht, um die Anschuldigungen anzuhören. Am 13. September soll sie widerrufen, gebeichtet und an der Messe teilgenommen haben. Drei Tage später reiste der Inquisitor fluchtartig von Ferrara ab. Renée hatte nämlich ein 1543 von Papst Paul III. als Gastgeschenk erlassenes Breve hervorgeholt, das sie unter den Schutz des Papstes selbst stellte. Ory musste also Ferrara verlassen, aber nicht bevor er - dem Anschein nach - seine Arbeit vollständig erledigt hatte. Die Nachricht von Renées "Bekehrung" war schon in Umlauf gebracht worden und die kirchenpolitisch und diplomatisch notwendige Farce hatte Ercoles Treue und Loyalität gegenüber seinem geistlichen Lehensherrn bewiesen.

Im Oktober 1559 starb Ercole plötzlich nach kurzer Krankheit. Als sein ältester Sohn ihm als Alfonso II. folgte, verließ Renée Ferrara und kehrte in ihr vermisstes Frankreich zurück. Es ist mehr als wahrscheinlich - wenn auch nicht belegt -, dass sie bei ihrer Ankunft im September 1561 mit Morel an den Religionsgesprächen in Poissy teilnahm, die eine Kompromisslösung im Kampf zwischen Hugenotten und Katholiken bringen sollten. In der kleinen Herrschaft Montargis, die sie mit der Grafschaft Gisors und dem Herzogtum Chartres als Mitgift erhalten hatte, ließ sie sich nieder und lebte hier noch 15 ereignisreiche und unruhige Jahre. Die Gewaltwelle, die ihre Heimat in der Zeit der Hugenottenkriege überrollte, sollte nämlich noch lange über ihren Tod hinaus anhalten und ihr kleines Herzogtum zum Auffanglager für Verfolgte und Flüchtlinge machen. Nach einem aufreibenden Kampf um Toleranz und Glaubensfreiheit starb sie am 19. Juni 1575 und wurde nach eigenem Wunsch in der Hofkapelle von Montargis ohne Trauerzeremonie und Grabdenkmal in einem einfachen Holzsarg beigesetzt.

Elena Taddei


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Publikationsdatum dieser Seite: Mittwoch, 10. August 2016 11:00