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Hugenotten

Die Reformation des 16. Jahrhunderts erfasste auch Frankreich. Prägender Reformator war dort der Franzose Johannes Calvin, der aber aus seinem Heimatland flüchten musste. Die calvinische Reformation breitete sich in dem römisch-katholischen Zentralstaat von unten her aus. Bis zu zehn Prozent der Bevölkerung wandten sich Calvins Ideen und der Form seines Glaubens zu. Vor allem Bewohner im Süden des Landes, meistens Städter und Adlige, schlossen sich dieser Glaubensrichtung an. Sie nannten sich réformés (Reformierte). Die heutzutage für sie benutzte Bezeichnung "Hugenotten" war damals eine verächtliche Fremdbezeichnung. In Deutschland hat sich der Name "Hugenotten" in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingebürgert, manchmal sogar für Hugenotten-Nachfahren.

1559 erarbeitete eine Delegiertenversammlung französischer Hugenottengemeinden eine Bekenntnisschrift (Confession de Foy) und eine Kirchenordnung (Discipline ecclésiastique). Beide tragen deutlich Calvins Handschrift. In ihnen ist verankert, was man auch heute noch unter "reformiert" versteht. Beide Dokumente gehören notwendigerweise zusammen. Sie waren Grundlage für die Gründung jeder weiteren hugenottischen Kirchgemeinde.

Bis zur Französischen Revolution wurden die Hugenotten in Frankreich nicht geduldet. Eine Ausnahme bildete die Regierungszeit von König Heinrich IV. (1589-1610), der selbst einmal Reformierter war. Aus dieser Zeit ist das Duldungsedikt von Nantes (1598) bekannt. Die andere Zeit versuchte der französische Staat zunächst in zehn "Religions"kriegen, den reformierten Glauben auszumerzen. Höhepunkt war die Bartholomäusnacht von 1572, als bei der "Pariser Bluthochzeit" Heinrichs IV. 3 000 hugenottische Hochzeitsgäste und anschließend in ganz Frankreich nochmals 20 000 Hugenotten ermordet wurden. Aber trotz alledem stellte sich auf diese Weise kein durchschlagender Erfolg ein.

Heinrichs IV. Enkel, König Ludwig XIV., änderte deshalb ab Mitte des 17. Jahrhunderts die Vorgehensweise. Es folgten drastische Schikanen (zum Beispiel Berufsverbot, Verbot von "Mischehen", Wegnahme der Kinder, Prämie für die Anzeige des Fluchtverdachts eines Hugenotten). Außerdem kam es nun zu offener Verfolgung und erzwungenen Massenabschwörungen der "Irrtümer Calvins" getreu dem Leitsatz des Königs: "un roi, une loi, une foi", das heißt: "ein König, ein Gesetz, ein (katholischer) Glaube". Den Schlusspunkt setzte er 1685 mit seinem Edikt von Fontainebleau. Alle bekehrungsunwilligen Hugenottenprediger mussten jetzt das Land verlassen. Jede Ausübung des reformierten Glaubens wurde verboten, alle noch bestehenden Hugenottenkirchen wurden sofort zerstört, die Auswanderung unter Androhung von Galeerenstrafen für Männer und Gefängnisstrafen für Frauen verboten. Trotzdem kam es zu einer der größten Massenauswanderungen im Europa der Frühen Neuzeit. Etwa 160 000 Personen, das waren 20 Prozent der Hugenotten beziehungsweise fast ein Prozent der Bevölkerung, ließen jetzt alles zurück und begaben sich auf die Flucht. Ihnen war die freie Ausübung ihres Glaubens das Wichtigste.

Die im Lande verbliebenen Hugenotten hatten jetzt zwei Möglichkeiten: zur katholischen Staatskonfession überzutreten oder zu widerstehen. Und ein beträchtlicher Teil widerstand. Auch viele zum Katholizismus Übergetretene blieben innerlich reformiert und führten ein Leben als Scheinkatholiken. 1702 bis 1710 kam es zu einem verzweifelten Aufstand "Unbelehrbarer" in den Cevennen. Ab 1715 organisierte sich dann die Hugenottenkirche Frankreichs im Untergrund neu als Église du Désert (Kirche der Wüste). Bis zur Tolerierung der Hugenotten im Jahr 1789 wurden Hunderte ihrer heimlichen Versammlungen entdeckt und noch Tausende Personen eingesperrt, auf die Galeeren gebracht oder getötet. Mit der Französischen Revolution wurden auch die Hugenotten anerkannte Staatsbürger. Ihre Zahl betrug damals noch etwa 1,5 Prozent der Bevölkerung.

Hugenotten im Exil

Schon in den 1520er Jahren verließen die ersten französischen Glaubensflüchtlinge das Land. Insgesamt kehrten bis 1789 etwa 200 000 Hugenotten dem wirtschaftlich hoch entwickelten Frankreich den Rücken. Besonders groß war die Zahl der Flüchtlinge in der Zeit von 1670 bis 1720. Nicht selten legten sie Hunderte von Kilometern zu Fuß zurück, um einen neuen Aufenthaltsort zu finden. Zahlreiche Handwerker, Gewerbetreibende, Kaufleute und Militärs waren darunter, ebenso Angehörige des Hoch- und niederen Adels. Die Mehrzahl brachte nur ihre moralischen und beruflichen Qualitäten mit. Die meisten Hugenotten, vor allem die aus dem Norden und Westen Frankreichs, und auch die wohlhabendsten und die mit guten internationalen Verbindungen aus den anderen Landesteilen gingen in die ebenso wirtschaftlich hoch entwickelten Vereinigten Niederlande und nach England. Insbesondere für die Hugenotten aus dem Südosten waren die reformierten Gebiete der Schweiz der erste Zufluchtsort, viele zogen dann weiter nach Deutschland. Hugenotten gingen auch nach Irland, in die USA, nach Kanada, Schottland, Dänemark und Schweden, sogar nach Russland und Südafrika. Zum Teil durften sie eigene Kolonien bilden. Das waren selbstständige Gemeinwesen mit französischer Sprache, eigenem Kirchen- und Schulwesen und eigener Gerichtsbarkeit. Die größten Hugenottenkolonien entstanden in Amsterdam, London, Genf und Berlin. Von den deutschen reformierten und lutherischen Territorien wurden etwa 40 000 Hugenotten aufgenommen, knapp die Hälfte davon von Brandenburg-Preußen. Eine größere Zahl fand eine neue Heimat in Hessen, in der Pfalz, in Franken, Baden- Württemberg, Niedersachsen und in den See-Hansestädten.

Die Aufnahme der Hugenotten erfolgte aus wirtschaftlichem, kulturellem, militärischem und politischem Interesse, aber auch aus christlicher Nächstenliebe und Mitleid mit den Flüchtlingen. Besonders interessiert war man an der Zuwanderung hugenottischer Geld- und Warenhändler und an Soldaten. In einigen Gebieten wurden die Hugenotten bereitwillig aufgenommen und mit Privilegien ausgestattet, anderswo mussten sie größere Kompromisse eingehen. Die Eingliederung in den Aufnahmeländern verlief unterschiedlich. Am schnellsten erfolgte sie in England. Dort verließen schon die meisten der Kindergeneration die Kirchgemeinden. 1750 existierten die Hugenotten an den meisten Siedlungsplätzen als wichtige religiöse und nationale Minderheit nicht mehr. Um 1800 waren sie in den meisten Fällen mit der Gesellschaft der Aufnahmeländer verschmolzen.

Das Glaubensverständnis der Hugenotten regte sie zu eifriger Tätigkeit auch in weltlichen Bereichen an. Leistungswillen, Disziplin, Gemeinsinn und tätige Nächstenliebe gehörten zu ihren Tugenden. Sie brachten andere oder neue Wirtschaftszweige, Produktionsmethoden und Betriebsformen mit oder verfeinerten diese. Besonders bereicherten sie das Geistesleben und verbreiteten die französische Hochkultur, die damals als vorbildhaft galt. Durch sie wurde auch die Gewissensfreiheit in das europäische Bewusstsein eingeprägt.

Die Zahl bekannter Personen hugenottischer Herkunft ist groß. Für Deutschland seien genannt das Adelsgeschlecht der Dohnas, die Schauspielerin Tilla Durieux, die Schriftsteller Theodor Fontane und Friedrich de la Motte Fouqué, die Gelehrten Alexander und Wilhelm von Humboldt, die Politiker Lothar und Thomas de Maizière, der Buchverleger Anton Philipp Reclam. Auch die Königshäuser der Niederlande, Großbritanniens und Preußens haben Hugenotten unter ihren Ahnen. Um 1700 war fast jeder fünfte Berliner (innerhalb der damaligen Stadtgrenze) ein Hugenotte.

Die nach Deutschland eingewanderten 40 000 Hugenotten hatten über die Jahrhunderte mehrere Hunderttausend Nachfahren. Mittels demografischer Betrachtung lässt sich für Deutschland auf heute etwa 160 000 lebende Hugenotten- Nachfahren schließen. Im Durchschnitt hat also jeder 450ste der deutschstämmigen Bevölkerung hugenottische Vorfahren. Die Suche nach Vorfahren ist sehr aufwendig und wird deshalb nur von wenigen intensiv betrieben. Verfolgt man die eigene Familiengeschichte der letzten 350 Jahre, so betrifft das mindestens zehn bis elf Generationen. Das sind immerhin 1 000 bis 2 000 Personen. Allein aus dem Familiennamen kann man nicht vorab auf das Nicht-Vorhandensein hugenottischer Vorfahren schließen. Denn bei Verheiratung einer Frau mit einem Nicht-Hugenotten ging ihr eventueller französischer Nachnahme verloren. Auch sind viele französische Familiennamen im Laufe der Zeit der Sprache des Aufnahmelandes angeglichen worden, zum Beispiel könnte Le Jeune zu Jung und Claparède zu Klaproth geworden sein.

Wichtigste Bewahrer des geistlichen Erbes der Hugenotten sind die Kirchgemeinden hugenottischen Ursprungs. Außerdem bemühen sich die in einigen Ländern bestehenden Hugenotten-Gesellschaften, die Geschichte, Theologie und Genealogie der Hugenotten zu erforschen und ihre Traditionen zu bewahren und zu fördern.

Wie steht es heute um den reformierten Protestantismus in Frankreich?

Seit der Französischen Revolution wurden die Hugenotten offiziell Protestanten genannt, was sie auch als Selbstbezeichnung übernahmen. Ihre Zahl nahm aber mit der Zeit ab. Heute sind die reformierten Kirchgemeinden, die ihren Ursprung in einstigen Hugenotten-Kirchgemeinden haben, klein. Und sie sind auch arme Gemeinden. Es gibt sie vor allem in Südfrankreich. Schätzungen gehen von insgesamt etwa 260 000 Gemeindegliedern aus.

Zum heutigen französischen Protestantismus gehören neben der reformierten noch andere Glaubensrichtungen, zum Beispiel eine größere Zahl Lutheraner, besonders in Elsass-Lothringen. Alle Protestanten zusammen repräsentieren jetzt 1,4 Prozent der Bevölkerung. Insgesamt sympathisieren aber etwa zwei Millionen Franzosen (3,6 Prozent) mit dem Protestantismus. Die protestantische Minderheit ist einflussreicher, als man das angesichts dieser Zahlen vermuten würde.

Schon seit langem gibt es mit Sitz in Paris das Welt-Hugenotten-Zentrum und die Gesellschaft für die Geschichte des französischen Protestantismus. Sie haben sich der Pflege des hugenottischen Erbes angenommen. Das haben auch mehrere regionale historische Gesellschaften und eine größere Zahl von Museen in Frankreich zu ihrer Hauptaufgabe gemacht.

Eberhard Gresch


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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23