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Johannes Calvin als Ökumeniker

Viele Zweige, aber ein Baum

Nur schwer können sich Menschen heutzutage die Dramatik der Umbrüche vorstellen, die mit der Reformation verbunden waren. In allen Lebensbereichen hatte sich ein Überdruss an den unbeweglichen Lebensverhältnissen angesammelt. Die Menschen stießen unablässig auf Regelungen oder gar Forderungen der Kirche, denen sie genügen sollten. Weil die mittelalterliche Kirche eine Neigung hatte, in den unterschiedlichsten Zusammenhängen die Frage des ewigen Heils mit ins Spiel zu bringen, waren die Menschen weithin wehrlos den Erwartungen und Forderungen der Kirche ausgeliefert. Religiöse Herrschaft ist stets eine besonders entmündigende und demütigende Herrschaft. Unter der Oberfläche begann sich Ungeduld zu regen, was in den Städten besonders deutlich gespürt wurde. Die Zeit war reif für durchgreifende Veränderungen.

Zugleich bestand die große Gefahr eines unbeherrschbaren Chaos. Die unterschiedlichen Reforminteressen hätten unkontrollierbar aufeinander prallen und sich gegenseitig zerreiben können. Auch die politische Gemengelage war keineswegs übersichtlich und somit schwer zu kalkulieren. Es war eine mehr als sensible Angelegenheit, einen wirksamen und steuerbaren Weg für die sich aufdrängenden Veränderungen zu finden. Den Stein ins Wasser zu werfen, ist eine Sache, die Beherrschung des in Unruhe versetzten Wassers aber durchaus eine andere.

Als Calvin die Bühne der Geschichte betrat, war der Stein bereits ins Wasser geworfen. Die Wellen haben sich schnell ausgebreitet und dabei manche Unruhe ausgelöst. Die Bauernkriege sind nur ein Beispiel für die realen Gefahren, die von der Durchsetzung der Reformation ausgingen. Auch die städtische Reformation in Zürich ging nicht ohne heftigen Streit ab. Aber indem sich das zu eigenem Selbstbewusstsein gekommene Bürgertum auf die Seite Zwinglis stellte, konnte sie gleichsam offiziell durchgesetzt werden. In Frankreich hatten die von Martin Luther aufgeworfenen Wellen für Auseinandersetzungen gesorgt. Zumindest für die gebildeten Menschen war es unmöglich, die Gegenwart richtig zu verstehen, ohne sich auch zu der von den Humanisten und der Reformation ausgegangenen Reformbewegung zu verhalten.

Calvin begegnete dieser Herausforderung während seines Jurastudiums in Orléans und Bourges. Seinen zu Beginn der 30er Jahre gefassten Entschluss, die reformatorische Orientierung am biblischen Zeugnis prinzipiell über die Tradition der Kirche zu stellen, hat er später als seine entscheidende Lebenswende beschrieben. In dieser Lebenswende findet sich eine zentrale Wurzel für Calvins späteres ökumenisches Engagement. Für ihn war die Bibel mit ihrer konzentrierten Vielfalt nicht nur der einzige Boden, welcher der Kirche einen festen Grund bietet, sondern auch das wahrhaft katholische Band, das die verstreute Christenheit in der einen Kirche Jesu Christi eint. Sie setzt nicht auf die Kirche in ihrer geschichtlichen Verfassung, sondern verweist unvermittelt auf Christus selbst als das einende Haupt der Kirche und den sammelnden Hirten der verstreuten Herde. Es war die inhaltlich gefüllte Einheit, die Calvin für die Kirche wieder ins Zentrum stellen wollte. Für die Verteidigung dieser Einheit waren auch Konflikte in Kauf zu nehmen. Den Vorwurf der Kirchenspaltung hat Calvin jedoch stets entschieden - und mit Recht - abgewiesen.

Nachdem Calvin 1538 Genf verlassen musste, kam es dort bald zu innerkirchlichen Rangeleien, die den inneren Frieden der Stadt gefährdeten. Das war eine günstige Gelegenheit, die Stadt an den vorreformatorischen Frieden zu erinnern. Der gemäßigte Kardinal Sadolet schrieb 1539 ein werbendes Schreiben, die Stadt möge doch überlegen, ob sie nicht ein friedlicheres Leben von einer Rückkehr in den weiten Schoß der einen wahren Kirche erwarten könne. Sie werde mit offenen Armen empfangen. Es sei allein die Schuld der eigenwilligen Reformatoren, die mit der Zerstörung der Einheit der Kirche den allseits zu beklagenden Unfrieden heraufbeschworen hätten.

Daraufhin baten die Genfer Calvin, der bis zu seiner Rückkehr nach Genf 1541 in Straßburg lebte, auf den Brief von Sadolet zu antworten. In seinem geschliffenen Antwortschreiben erkannte Calvin ausdrücklich an, dass Kirchenspaltung ein streng zu verurteilendes Vergehen sei. Zugleich hob er entschlossen hervor, dass nicht der die Kirche spalte, der in Kriegszeiten die Fahne des Heerführers hochhält, um den Truppen die nötige Orientierung zu geben. Vielmehr überlasse derjenige die Truppen einer verlorenen Sache, der sie in dem Glauben lässt, sie könnten auch ohne ihren Führer mit Hilfe seiner selbsternannten Stellvertreter einem sinnvollen Unternehmen dienen. Wenn das Zurückrufen der Kirche zu ihrer göttlichen Wahrheit Kirchenspaltung sei, dann waren auch die Propheten und Apostel Kirchenspalter. Emphatisch beschloss er sein Schreiben an den Kardinal: "So gebe denn Gott, Sadolet, dass Ihr mit all Euren doch noch einmal erkennt: es gibt kein anderes Band kirchlicher Einheit, als dass uns Christus, der Herr, der uns mit Gott, dem Vater, versöhnt hat, aus unserer Zerstreuung in die Gemeinschaft seines Leibes sammelt, damit wir so allein durch sein Wort und seinen Geist zu einem Herzen und einer Seele zusammenwachsen" (Übersetzung Christian Link).

Calvin setzte nicht mehr wie noch Luther auf die Einheit eines Corpus Christianum, sondern konnte sehr unbefangen im Blick auf die verfasste Kirche den Plural verwenden. Darin ist Calvin durchaus modern, dass er kontextuelle Gründe gelten lässt und den jeweiligen Kirchen eine große Freiheit einräumt, sich eine ihren besonderen Umständen entsprechende Gestalt zu geben. Dies bleibt so lange unproblematisch, solange die essenzielle Verbundenheit mit der universalen Kirche Christi gewahrt und gepflegt wird. Gerade in der Situation der Pluralisierung gewinnt die Katholizität der Kirche eine fundamentale Bedeutung und zwar in ihrem ursprünglichen Verständnis als weltweite Einheit. Sie ist nicht durch die Bindung an Rom gegeben, sondern durch die Bindung an den lebendigen Christus. In diesem Sinne definierte Calvin Kirche in seinem erwähnten Schreiben an Sadolet: "Sie ist die Gemeinschaft aller Heiligen, welche, über den ganzen Erdkreis und durch alle Zeiten zerstreut, doch durch die eine Lehre Christi und den einen Geist verbunden ist und an der Einheit des Glaubens und brüderlicher Eintracht festhält und sie pflegt." Bei den Religionsgesprächen war Calvin auf protestantischer Seite ein auch von der lutherischen Seite gefragter Disputant. In diesem Zusammenhang wandte er sich 1543 an Kaiser Karl V. und beschwor den bereits 1530 im Augsburger Bekenntnis formulierten reformatorischen Konsens im Blick auf die Erkennungszeichen der Kirche: "die gesunde Predigt der Lehre und reiner Gebrauch der Sakramente". Dabei betonte er die Heiligkeit und Unverletzlichkeit der Einheit der Kirche im Sinne des Paulus. Gegen die zeitgenössische Kirche berief sich Calvin gern auf die Alte Kirche. Als Anwalt für seine Vorstellung von der Einheit der Kirche verwies er auf den nordafrikanischen Bischof Cyprian (3. Jahrhundert nach Christus) mit dem Zitat: "Eine Kirche ist es, aber in fruchtbarem Wachstum zerlegt sie sich in eine Vielheit, so wie es viele Sonnenstrahlen gibt, aber doch nur ein Licht, viele Zweige, aber nur einen Baum, der fest verwurzelt in der Erde steht, und wie aus einer Quelle viele Bächlein abzweigen. Mag auch der überschwängliche Reichtum als zerstreute Vielheit in Erscheinung treten, die Einheit des Quellpunktes bleibt doch bestehen" (Übersetzung Marcel Simon).

Überall da werde die Zerstreuung und die Sektiererei befördert, wo man glaubt, sich auf sich selbst verlassen zu können und vor der Mühe zurückscheut, bis auf die Quelle zurückzugehen und nach der "Lehre des himmlischen Meisters" zu fragen. Nicht das ehrwürdige Alter und die geschichtliche Tradition geben der Kirche ihren Halt, auch wenn sie sich noch so eindrucksvoll in Szene setzen, sondern allein die lebendige Beziehung zu ihrem göttlichen Haupt. Den Appell an den Kaiser, ein gemeinsames Konzil anzuregen, begründete Calvin mit der aufziehenden Gefahr einer "so vollständigen Zerstückelung der Kirche, dass an eine Heilung nicht mehr zu denken ist!" Noch sehe er die Schäden für heilbar an, wenn sie entschlossen angegangen werden. Jeder, der das gebotene Konzil verzögere, beweise nur, "dass ihm sein eigener Vorteil so arg am Herzen liegt, dass er sogar unbedenklich den Untergang der Kirche dafür im Kauf nimmt!" Ebenso wie das Schreiben an Sadolet wurde auch dieses Schreiben von Luther und den deutschen Lutheranern überaus geschätzt.

Dass es dann später - nach Luthers Tod 1546 - doch zu unüberbrückbar erscheinenden Differenzen zwischen Calvin und den Lutheranern gekommen ist, gehört zu den nur schwer nachzuvollziehenden Ironien der Geschichte. Es ist ausgerechnet ein schwer errungener ökumenischer Erfolg Calvins gewesen, den die lutherische Seite zum Anlass nahm, das über die Jahre gewachsene Vertrauen in Frage zu stellen und sich von Calvin zu distanzieren. Mit inhaltlichen Differenzen lässt sich diese unverhoffte Entfremdung nicht hinreichend erklären. Offenkundig spielen da auch irrationale Gründe eine Rolle, die nicht zuletzt etwas mit der Frage nach dem rechten Umgang mit dem Erbe Luthers bei den Lutheranern zu tun haben. Die unerwartete Spaltung war für Calvin eine schwer zu verwindende tiefe Enttäuschung. Nicht nur in der Abendmahlsfrage wusste sich Calvin zeitlebens Luther näher als Ulrich Zwingli, über den er sich mehrfach abschätzig geäußert hat. Doch der mit Heinrich Bullinger, dem Nachfolger Zwinglis, errungene theologische Konsens in der Abendmahlsfrage hat ihn ohne weitere Prüfung der inhaltlichen Einigung unversehens auf die Seite Zwinglis und damit ins Abseits der Irrlehre versetzt.

Während der "Consensus Tigurinus" (1549) - so wird dieser Abendmahlskonsens genannt - in der Schweiz, in Frankreich, in England und auch bei Philipp Melanchthon auf große Zustimmung stieß, sah das deutsche Luthertum - insbesondere unter dem Ungeschick des Hamburger Theologen Joachim Westphal - Anlass für einen erneuten heftigen Abendmahlsstreit. Es war offenkundig der entschlossene Wille des Luthertums, unter keinen Umständen in irgendeiner Weise mit der Tradition Zwinglis in Berührung gebracht zu werden. All die Bewegungen, die von Calvin und deutlicher noch von Bullinger vollzogen wurden, um einen Konsens zu ermöglichen, spielten keine Rolle. Vielmehr scheint schon die Tatsache, sich von einem Gespräch mit Zürich etwas Positives zu erhoffen, aus lutherischer Sicht als eine Art Selbststigmatisierung gegolten zu haben, der entschlossen entgegengetreten werden müsse.

Würdigt man die Annäherungen, die zwischen Calvin und den Lutheranern in der Abendmahlsfrage bereits vorher erreicht worden waren, so war diese schroffe Abweisung keineswegs die einzig mögliche Reaktion. Es bleibt verwunderlich, warum den verbliebenen Unterschieden plötzlich wieder ein solches Gewicht beigemessen wurde, sodass sie bald auf erstaunliche Weise stilisiert und zu einer Grundsatzfrage erklärt wurden, die einen Jahrhunderte währenden Keil zwischen Lutheraner und Reformierte trieb. Erst 1973 konnten die Gegensätze mit der Leuenberger Konkordie reformatorischer Kirchen in Europa überwunden und die bereits von Calvin gewünschte Kirchengemeinschaft der beiden reformatorischen Traditionen erklärt werden. Es bleibt allerdings eine ebenso virulente wie irritierende Frage im Blick auf die Ökumene, warum es bis heute immer wieder das Abendmahl ist, das zwischen den Kirchen ebenso grundsätzliche wie auch kaum ausräumbare Barrieren aufrichtet.

Luther sah die Gefährdung der Reformation vor allem in dem ungestümen und unberechenbaren Freiheitsdrang der unteren Stände. Deshalb setzte er auf die Entschlossenheit und Durchsetzungskraft der Landesfürsten. In dieser politischen Grundeinstellung liegen die Wurzeln für die lutherischen Nationalkirchen und die bis heute für Deutschland charakteristische landeskirchliche Struktur. Calvin sah dagegen die Gefährdung der Reformation in der fehlenden Entschlossenheit zur Einheit. In einem Brief an den anglikanischen Erzbischof von Canterbury Thomas Cranmer benannte er seinen Schmerz in aller Deutlichkeit: "Zerfetzt, mit zerstreuten Gliedmaßen liegt der Leib der Kirche am Boden. Was mich betrifft, so würde ich gern zehn Meere durchkreuzen, um diesem Elend abzuhelfen."

Calvin setzte auf die Kraft, die der Kirche aus ihrem gegenseitigen Zusammenhalt erwächst. Sein Bild von der Wirklichkeit der Kirche war stark von den Diaspora- und Flüchtlingsgemeinden geprägt. Das erklärt zum einen die betonte Zulassung kontextueller Aspekte bei der Gestaltung des kirchlichen Lebens. Zum anderen waren die Gemeinden ganz und gar darauf angewiesen, sich gegenseitig zu unterstützen und zu stärken, sowohl geistlich als auch ganz praktisch, weil von der Obrigkeit alles andere als Unterstützung zu erwarten war. Die Betonung einer geheiligten Lebensführung hatte in dem fragilen Zustand, in dem sich die Reformation immer noch befand, neben dem theologischen auch einen existenziellen Hintergrund. Die entschlossen offengehaltene reformierte Bekenntnistradition verbindet die kontextuelle Authentizität mit der gesamtkirchlichen Katholizität. Es ist die Perspektive auf die eine universale Kirche Christi, die der partikularen Existenz ihre Gewissheit vermittelt. Die in Christus bereits gegebene Einheit, wie sie im Neuen Testament bezeugt wird, gilt es nach Kräften zu bekennen und sichtbar zu machen, damit sie in der Situation der Bedrängnis ihre Wirksamkeit entfalten kann. Die Lektüre der zahlreichen Briefe Calvins an die verstreuten Gemeinden geben ein eindrucksvolles Zeugnis seiner Empathie und der seelsorgerlichen Beratung, in der er immer wieder auf die ermutigende Bedeutung der einen universalen Kirche Jesu Christi hinwies.

In diesen Zusammenhang gehört auch der wichtige Umstand, dass Calvin als Vertreter der zweiten reformatorischen Generation ein aufmerksamer Beobachter des Tridentinischen Konzils (zwischen 1545 und 1563) war. Hier sammelte die römische Kirche ihre Kräfte zum entschlossenen Kampf gegen die Reformation. Anders als Luther stand Calvin ein militantes Erstarken der Papstkirche vor Augen, dem nur ein geeinter und kirchlich stabilisierter Protestantismus standhalten konnte. Die Geschichte sollte zeigen, dass sich die Gegenreformation und der Dreißigjährige Krieg am reformierten Westen Europas entschieden haben.

Die Einheit der Kirche war Calvin von so fundamentaler Bedeutung, dass er sie allein von dem gemeinsamen Gottesund Gnadenverständnis abhängig gemacht hat. Divergierende Ansichten in allen anderen Fragen begründen keine konfessionelle Trennung und gefährden deshalb nicht die Substanz der Kirche. Die Substanz des gemeinsamen Zentrums sollte dazu befähigen, solche Unterschiede in gegenseitigem Respekt zu tragen und weiter zu erörtern. Calvin hatte keine geeinte Großkirche im Blick, wohl aber ein gemeinsames protestantisches Konzil unter Einbeziehung der Anglikaner, auf dem die theologischen Differenzen offen besprochen werden sollten. Hier zeigt er sich als ein moderner Ökumeniker, der auch der gegenwärtigen ökumenischen Gesprächslage noch voraus war. Es bleibt der Ökumene zu wünschen, dass seine Zeit noch kommen wird.

Michael Weinrich


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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23