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Schüler Calvins

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Petrus Ramus

Petrus RamusPierre de la Ramée, lat. Petrus Ramus, geb. 1515 in dem pikardischen Dorf Cuts nahe Nyon, dem Geburtsort Calvins, entstammte einer verarmten Adelsfamilie. Nach dem Schulbesuch in seinem Heimatort gelang es ihm, im Alter von ungefähr zwölf Jahren in das Collège de Navarre in Paris aufgenommen werden. 1536 schloß Ramus im Alter von 21 Jahren sein Studium mit dem Grad des Magister artium ab. Die von seinem Biographen Johann Thomas Freigius überlieferte Magisterthese "Quaecumque ab Aristotele dicta essent, commentitia esse" [Alles von Aristoteles Gesagte ist falsch] zeigte bereits sein Interesse, den herrschenden Aristotelismus zu überwinden. Als Ertrag seiner Lehrtätigkeit an verschiedenen Collèges in Paris erschienen 1543 zwei Schriften, die Dialecticae partitiones und die Aristotelicae animadversiones, die aufgrund ihrer Kritik an Aristoteles zu heftige Gegenreaktionen und sogar einem Publikationsverbot führten.

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte Ramus eine Dialektik, die im Gefolge des Humanisten Rudolph Agrigola die Einteilung des Stoffes ("inventio") in den Mittelpunkt stellte und die kompliziert gewordene, aristotelisch geprägte Schlussfolgerungslehre der Scholastik ("iudicium"; Syllogistik) zurückdrängte. Pädagogisch motiviert, konnte Ramus' simplifizierende und mit ihren dichotomischen Einteilungen auch gut visualisierbare Logik am Ende des 16. Jahrhunderts eine außerordentliche Wirkungsgeschichte in West- und Mitteleuropa entfalten.

Am Beginn der sechziger Jahre geriet Ramus zwischen die Fronten der beginnenden Religionskriege in Frankreich. Schon im Zuge seiner Bemühungen um eine Reform des Studiums unter den Verdacht geraten, heimlicher Anhänger des Protestantismus zu sein, hat er sich diesem wohl Anfang der sechziger Jahre bewusst zugewandt. In einem Brief an seinen früheren Förderer Charles de Guise aus dem Jahre 1570 nennt er als Zeitpunkt des Wechsels das Religionsgespräch von Poissy 1561 (abgedr. in: Collectaneae praefationes, epistolae, orationes, 255-258).

Von Theodor Beza in Genf weniger wegen seiner Orientierung an Ulrich Zwinglis und Heinrich Bullingers Theologie als wegen seines Antiaristotelismus befehdet, wurde er auch von der französischen Nationalsynode in Nîmes 1572 aufgrund seines Engagements für eine stärkere Beteiligung der Laien an der Leitung der Kirche verurteilt. Ramus hatte sich der Kritik Jean Morélys an der Genfer "Konsistorialaristokratie" und der Stärkung der Autorität der Pastoren auf Kosten der "Laien" und der weltlichen Gewalt angeschlossen. Noch vor der endgültigen Klärung der Sache starb Ramus als Opfer der Massaker im Zuge der Bartholomäusnacht am 26. August 1572.

Christoph Strohm

Bild: Boissard, Jean-Jacques/Bry, Theodor de: Bibliotheca chalcographica, hoc est Virtute et eruditione clarorum Virorum Imagines, Tl. 1-5, Heidelberg 1669, Bl. Zz3 [www.uni-mannheim.de/mateo/desbillons/aport/seite190.html, 23.10.2008]


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Publikationsdatum dieser Seite: Mittwoch, 10. August 2016 11:00