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Kurzkommentar

Es handelt sich bei dem vorliegenden Text um einen Brief Calvins an seinen Freund Claude de Sachin aus dem Jahr 1545. Dieser hatte sich an den Reformator gewandt mit der Bitte, wie mit dem Wucherzins zu verfahren sei. Da der Brief nicht auf private Fragen des Adressaten eingeht, sondern allgemein argumentiert, ist er unter der Oberrubrik "Juristische Fragen" in den Werken Calvins (CO 10a, 245-249) veröffentlicht.

Zum zeitgeschichtlichen Zusammenhang

Zins zu nehmen war generell in der Geschichte der Kirche verboten. Begründet wurde dies mit der Lehre des Aristoteles, dass Geld kein Geld hervorbringe (pol. 1,10,1258 b2-8). Synoden der Alten Kirche und zahlreiche Kirchenväter haben diese Meinung unterstrichen. In der Praxis bestand jedoch ein hoher Bedarf an Geld, so dass immer wieder versucht wurde, das direkte Zinsverbot durch finanzpolitische Konstrukte (z.B. Zinskauf, Warenkredit u.ä.) zu umgehen. Solche Aufweichungen führten zu immer neuen kirchlichen Beschlüssen gegen das Zinsnehmen. Zuletzt hatte das 5. Laterankonzil 1517 die früheren Zinsverbote erneuert. Dies bedeutete faktisch jedoch nur, dass immer neue Wege gefunden wurden, z.B. die seit 1462 von den Franziskanern betriebenen Pfandleihhäuser. Diese betrieben die Ausleihe zwar zinslos, verlangten aber eine Bearbeitungsgebühr von bis zu 10%.

Der Begriff "Wucher" hat dabei nicht den negativen Beiklang wie im heutigen Sprachgebrauch.

Calvins Stellungnahme

Calvin sind als studiertem Juristen die rechtlichen Konstruktionen, mit denen man das Zinsverbot zu umgehen versucht hat, gut bekannt. Er weiß, welche Konsequenzen Äußerungen für oder gegen ein Zinsverbot haben können - darum der vorsichtige Ton zu Beginn.

Vorrangig sucht er nach einem Zeugnis der Heiligen Schrift in dieser Sache. Ein solches, direkt anwendbares findet er jedoch nicht. Eine Sichtung der entsprechenden Bibelstellen führt ihn zu seiner ethischen Grundposition: Wucherzinsen sind fast immer mit Unterdrückung der Armen verbunden. Dennoch lehnt er sie nicht völlig ab: Die gesellschaftliche Situation ist anders als zu Zeiten der Bibel - darum ist zu prüfen, ob die Wucherzinsen gegen das Gebot von Billigkeit und Liebe verstoßen.

Es folgt eine kritische Bewertung der klassischen These des Aristoteles: Geld bringe kein Geld hervor. Diese Meinung haben sich viele Kirchenväter zu eigen gemacht.

Mit einem Beispiel aus seiner Zeit zeigt er, wie Geld eine mindestens ebenso produktive Kraft entwickeln kann wie andere Besitztümer.

Nachdem er so eine Grundlinie entworfen hat, notiert er sieben Einwände. Auch dabei steht an erster Stelle der Arme, dem man in Not keinen Zins abfordern darf. Die weiteren Einwände zeigen ein Betonen der Regel Christi (Mt 7,12) und der realen Sache des Zinses. Damit will er den juristischen Konstruktionen zum Umgehen des Zinsverbotes den Boden entziehen.

Der vorliegende Text Calvins war noch auf der Nationalsynode von Verteuil (1567) eine wichtige Entscheidungshilfe bei der Diskussion um die Berechtigung und Höhe des Zinses.


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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-01-23