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Stefan Zweigs Polemik gegen Calvin

Niederblickend erschrickt man...

Buchcover: Castellio gegen CalvinCalvin hat nicht nur Freunde gehabt, sondern auch Gegner. Sie waren bemüht, das Andenken des Genfer Reformators in ein überaus negatives Licht zu tauchen. Diese Polemik nimmt ihren Anfang bereits im 16. Jahrhundert und reicht bis in die Gegenwart. Den größten Nachhall fand sie in dem Roman von Stefan Zweig "Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt". Der weltbekannte jüdische Schriftsteller Zweig (1881-1942) war ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus und musste deshalb 1934 seine österreichische Heimat verlassen. Seine Werke wurden in Deutschland verboten. Im Exil schrieb er 1935/36 den oben genannten Roman als mahnende Anklageschrift gegen die Herrschaft der Nationalsozialisten. Historisch unzureichend informiert wählte er das Genf des 16. Jahrhunderts zum Ort seines Romans. Darin schildert Zweig Calvins angebliche "Machtergreifung" und dessen Versuch zur "Gleichschaltung" der Genfer Bürger. Er spricht von Calvins "Geheimdienst" und "Auslandspropaganda". An einer Stelle beschreibt Zweig das äußere Erscheinungsbild Calvins. Bei fast jedem Wort ist aber zu merken, dass er nicht Calvin, sondern eigentlich Adolf Hitler meint.

"Alle Diktaturen beginnen mit einer Idee. Aber jede Idee gewinnt erst Form und Farbe an dem Menschen, der sie verwirklicht. Unausbleiblich muss die Lehre Calvins als geistige Schöpfung ihrem Schöpfer physiognomisch ähnlich werden, und man braucht nur in sein Antlitz zu blicken, um vorauszuwissen, dass sie härter, moroser und unfreudiger sein wird als je vordem eine Exegese des Christentums. Calvins Gesicht ist wie ein Karst, wie eine jener einsamen, abseitigen Felslandschaften, deren stummer Verschlossenheit nur Gott, aber nichts Menschliches gegenwärtig ist. Alles, was das Leben sonst fruchtbar, füllig, freudig, blühend, warm und sinnlich macht, fehlt diesem gütelosen, diesem trostlosen, diesem alterslosen Asketenantlitz. Alles ist hart und hässlich, eckig und unharmotene Mund, den selten jemand lächeln gesehen. (...) Es ist, als ob ein inneres Fieber vampirisch das Blut aus den Wangen gesogen hätte, so grau falten sie sich, so krank und fahl, außer in den kurzen Sekunden, da sie der Zorn mit hektischen Flecken überflammt. (...) So wirkt Calvin auf den gemalten Tafeln, und schon möchte man Mitleid fühlen mit diesem übermüdeten, überanstrengten, von seiner eigenen Inbrunst aufgezehrten Menschen; aber niederblickend erschrickt man plötzlich vor seinen Händen, die unheimlich sind wie die eines Habsüchtigen, vor diesen abgemagerten, fleischlosen, farblosen Händen, die kalt und knochig wie Krallen alles, was sie einmal an sich raffen konnten, mit ihren zähen, geizigen Gelenken grimmig zu halten wissen. Undenkbar, dass diese beinernen Finger je zart eine Blume umspielten, den warmen Leib einer Frau liebkosten, dass sie sich herzlich und heiter einem Freunde entgegenstreckten; das sind Hände eines Unerbittlichen, und dank ihnen allein ahnt man die große und grausame Kraft des Herrschens und Haltens, die von Calvin zeitlebens ausgegangen ist.

Welch ein lichtloses, freudloses, welch ein einsames und abweisendes Gesicht, das Antlitz Calvins! Unfassbar, dass jemand wünschte, das Bild dieses unerbittlichen Forderers und Mahners an der Wand seines Zimmers zu haben: Der Atem würde einem kälter vom Munde fließen, fühlte man ständig den wachsam spähenden Blick dieses unfreudigsten aller Menschen über seinem täglichen Tun. (...) Denn dieser Respektraum menschlicher Unnahbarkeit hat ein Leben lang um Calvin gefrostet. Von frühester Jugend an kleidet er sich in das gleiche mitleidlose Schwarz. Schwarz das Barett über der verkürzten Stirn, halb Kapuze eines Mönchs, halb Sturmhaube eines Soldaten, schwarz die weite, bis zu den Schuhen niederwallende Robe, die Kleidung des Richters, der unablässig die Menschen zu strafen (...) hat. Schwarz, immer schwarz, immer die Farbe des Ernstes, des Todes und der Unerbittlichkeit." (Stefan Zweig, Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt, Frankfurt a. M., 1983, 46ff).

Stimmt's? Urteilen Sie selbst!

  1. Als Stefan Zweig sein Buch schrieb, war es verbreitet, von den äußeren Merkmalen (besonders des Gesichtes) auf den Charakter eines Menschen rückzuschließen. Dieses Vorgehen nennt man Physiognomik (zu Deutsch: "Körper-Wissen"). Glauben Sie, dass Sie den wahren Charakter eines Menschen erkennen können, wenn Sie lange genug in sein Gesicht schauen?
  2. Die meisten Zeichnungen von Calvin sind erst nach seinem Tod entstanden. Wählen Sie ein Calvin-Portrait aus diesem Magazin und legen Sie es neben ein Portrait Hitlers! Vergleichen Sie beide Bilder mit Zweigs Beschreibung!
  3. Wie beurteilen Sie, dass Zweig Hitler in seinem Roman nicht erwähnt, und stattdessen seine Kritik am Nationalsozialismus an Calvin verdeutlicht?
  4. Calvin hatte in Genf kein politisches Amt inne und erhielt erst viereinhalb Jahre vor seinem Tod die Genfer Bürgerrechte. Bis 1555 war die Mehrheit im Rat der Stadt für die Reformation unsicher. Calvin galt als Ausländer und rechnete in dieser Zeit ständig damit, Genf wieder verlassen zu müssen. Seine Bücher unterlagen der städtischen Zensur, in Frankreich wurden sie verbrannt. Zudem erlebte Calvin im Genfer Exil, wie seine Freunde in Frankreich für ihren Glauben hingerichtet wurden. Was mag Stefan Zweig dennoch bewogen haben, Calvin zum Genfer Diktator zu machen?
  5. Hätte Zweig die historische Person Calvins auch in anderer Weise in seine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus einbeziehen können?

Vicco von Bülow

Bischof Wolfgang Huber zum Thema

Die Assoziation ist deutlich; und schnell ist aus dem reformatorischen Genf Calvins das Nazideutschland Adolf Hitlers geworden. Dabei ist dies historisch völlig unzutreffend: Die diktatorische Position, die Zweig Calvin zuschreibt, hatte dieser nie inne. Calvin war nicht der von Zweig dargestellte Diktator und das Genf seiner Zeit nicht eine frühere Version der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Hier haben Zweig und die, die seiner Interpretation gefolgt sind, Calvin Unrecht getan.

Bischof Wolfgang Huber


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Publikationsdatum dieser Seite: Mittwoch, 10. August 2016 11:00